Alvin Lucier
Empty Vessels / Twins
13. Mai 1999 - 13. Juni 1999
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TWINS

Ich habe mir oft vorgestellt, eine Doppelfassung von Music on a Long Thin Wire einzurichten, aber ich hatte nie die Gelegenheit dazu. Es hätte keinen Sinn gehabt, einfach zwei Drähte in einer Galerie oder einem anderen öffentlichen Raum aufzuspannen. Als ich mir die Parochialkirche im Hinblick darauf ansah, dort eine Klanginstallation einzurichten, bemerkte ich zwei offene Fenster über dem Eingang. Ich war sofort fasziniert von der Möglichkeit, von dort zwei Drähte über das Publikum hinweg zu einem Punkt hoch über dem Altar zu spannen. Auf diese Weise wären die Drähte den Leuten nicht im Wege. 
Sie könnten in der Zeit klingen, in der die Installation dem Publikum zugänglich ist, und still bleiben während der Gottesdienste. Eine Sache ist jedoch entscheidend: beide Drähte müßten von dem gleichen Oszillator angeregt werden. Ich wollte nicht, daß zwei Musics on Long Thin Wires gleichzeitig erklingen (Kontrapunkt). Ich dachte, es wäre interessanter, den Unterschied zu hören zwischen zwei ähnlichen Drähten, die von der gleichen Quelle angeregt werden. Identische Zwillinge, die aus einem Ei stammen, sozusagen.

A. Lucier, 1999 (Übersetzung: V. Paradowsky)
Empty Vessels

Einige Jahre lang habe ich eine Serie von Arbeiten gemacht, die die Resonanzeigenschaften von Räumen und anderen abgeschlossenen Örtlichkeiten untersuchten. In Chambers (1968) verstecken sich batteriebetriebene Radios, Kassettenrecorder und elektrisch angetriebenes Spielzeug verschiedener Art in Papiertüten, Schuhen, Kesseln, kleinen Koffern und anderen kleinen Resonanzräumen. Indem die Aufführenden diese kleinen "Räume" in größere Räume wie Konzerthallen, Fußballstadien und unterirdische Wasserspeicher hineintragen, werden die Klänge, die bereits durch die Akustik der kleinen Resonanzräume an Lautstärke gewinnen, ein weiteres Mal durch die Akustik der größeren Räume verstärkt. In Vespers (1969) erkunden die Aufführenden mit "Sondols" - tragbaren Impulswellen-Oszillatoren (von "sonar-dolphin" = Delphin-Ortungsgeräte) - die akustischen Eigenschaften von gegebenen Innen- oder Außenräumen, indem sie die Echos der Impulswellen von den Wänden, Böden und Decken und aller Objekte oder Hindernisse in Reichweite der Klangwellen aufzeichnen. Nach einer Weile erhält der Zuhörer eine akustische Signatur des Raumes. In I am sitting in a room (1970) wird menschliche Sprache viele Male in einen Raum zurückgespielt, wobei sich die besonders resonanten Frequenzen des Raumes verstärken, bis sich die Sprache allmählich in puren Klang transformiert.
In einem jüngeren Werk, in Theme (1994), rezitieren vier Leser ein Gedicht von John Ashbery, dessen Klänge von Mikrophonen aufgenommen werden, die in einer Muschel, einer Milchflasche, einer Blumenvase oder in einem leeren Straußenei untergebracht sind. Bestimmte Frequenzen der Stimmen werden in den Gefäßen gefangen und regen die Resonanztöne der Gefäße an. Und in Small Waves (kleine Wellen), das noch im Kompositionsprozeß ist, motivieren sechs gläserne Wassercontainer, die in ihren Hohlräumen mit Mikrophonen versehen sind, Bündel an Rückkopplungen.
Größe, Form und physikalische Beschaffenheit der Gefäße bestimmen deren Frequenzen. Ein Ensemble, bestehend aus einem Streichquartett, Posaune und Klavier, spielt lang ausgehaltene Töne gegen die Feedback-Bündel, was zu Interferenz-Mustern führt. Deren Geschwindigkeiten wiederum sind durch die Abstände zwischen den Instrumentaltönen und den Tonhöhen der Feedbacks determiniert. Zusätzlich gehen zwei Tänzer langsam durch den Raum, wobei sie die Rückkopplungen in ihren Tonhöhen verändern, sie leiser klingen lassen oder manchmal ganz zum Verschwinden bringen. Small Waves wurde für das Arditti-Quartett, den Posaunisten Roland Dahinter und die Pianistin Hildegard Kleeb geschrieben.
In Empty Vessels (1997) werden acht grüne Glasflaschen, Vasen und Einmachgläser an bestimmten Stellen des Raumes auf Podesten plaziert. Mikrophone werden in die Münder und Nacken der Gefäße eingesetzt und mit acht Lautsprechern verbunden, die ähnlich im Raum verteilt sind. Wenn Besucher durch die Installation gehen, werden die Bewegungen ihrer Körper die sensible Balance des Systems verändern und unerwartete Resonanzen erzeugen, dabei können Klingelgeräusche und leise Feedback-Klänge auftreten.

Alvin Lucier